Ansicht der Kartause Ittingen 1845
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Erstellt von: Franz Josef Haag
Herstellungsjahr: 1845
Technik: Zeichnung
Vermutlich als letzte Ansicht zur Klosterzeit entstand kurz vor der Aufhebung eine Zeichnung des Uesslinger Lehrers Haag (geboren um 1825). Sie zeigt die ungewohnte Sicht aus Westen.78 Noch einmal werden hier mit Nummern die einzelnen Bauten bezeichnet und in einer grossen Schriftrolle benannt. Haag muss demnach die Kartause gut gekannt haben. Seine akkurate Zeichnung gibt einen guten Überblick über die Anlage, kurz bevor die Kartäuser sie verlassen mussten. Deshalb seien hier seine Angaben in der Reihenfolge der Legende einzeln erwähnt, auch wenn sie oft zwischen weit voneinander entfernten Bauteilen springt.
Als «Pforte» (1) bezeichnet er das mit Holztüren verschlossene Westtor und den Eingang bei der Procuratur. Die «Klosterkirche» (2) und ihr Zugang vom Wirtschaftshof her haben sich äusserlich nicht verändert, im Innern der Kirche allerdings hatten die Stuckaturen bereits um 1820 einen neuen Farbanstrich erhalten, der bei der Restaurierung ab 1977 wieder entfernt wurde. Oben auf dem Hügel thront nach wie vor die «Pfarrkirche» Warth (3). Den Ostflügel der Konventbauten bezeichnet Haag als «Kapitelhaus» (4); am Westende des Südflügels befindet sich im ersten Stock das «Priorat» (5), darunter die «Schaffnerei» (6). Über dem Eingang zur Procuratur beziehungsweise Schaffnerei liegt die erstmals erwähnte «Küchenmeisterei» (7). Im Kloster wurde der Stellvertreter des Procurators Küchenmeister genannt. Sein Bereich lag hinter der heutigen Loggia, die erst 1880 für Victor Fehr angefügt wurde. Mit der «Bibliothek» (8) springt die Nummerierung wieder in den Ostflügel der Konventbauten. Weiter schliesst sich der grosse Kreuzgang mit den «Cellen der Carthäuser» (9) an, während die «Cellen der Brüder» (10) im Erdgeschoss des nördlichen Risalits des Westflügels liegen. In Ittingen lebte nur bis 1588 und ab 1756 eine kleine Zahl von Laienbrüdern. Über ihren Zellen befindet sich die «Verwalterei» (11). Demgemäss amtete hier der 1836 eingesetzte staatliche Verwalter, der allerdings nicht zufriedenstellend arbeitete. So kostete die Erneuerung der Scheune doppelt so viel Geld, als die Kartäuser dafür vorgesehen hatten. Er wurde 1840 entlassen. Sein Nachfolger wirtschaftete noch schlimmer. Leider wurden seine Verfehlungen erst nach der Aufhebung des Klosters entdeckt. 1855 wurde er wegen Unterschlagung und Betrug zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.
«Refectorium» (12), «Gastzimmer» (13) und «Küche» (14) befinden sich seit eh und je im Südflügel. Die «Kellerei» (15) war für die Verpflegung der Angestellten bestimmt. Die «Pfisterei» (16), die Bäckerei bei der Mühle (38) (auf der Zeichnung in der Mitte vorn rechts), und die «Sennerei» (17) für die Milchverarbeitung in der Nordwestecke des Wirtschaftshofs (auf der Zeichnung vorn links) waren am bisherigen Ort, das «Kornhaus» (18) bei der Mühle hat seine heutige Form erhalten. Entlang der Klostermauer zieht sich anschliessend der «Pferdestall» (19). Die drei Gärten werden nicht näher spezifiziert, sondern einfach mit «Garten» (20) bezeichnet. Am grossen «Kreuzgang» (21) steht an der Westseite immer noch der «Brunnen» (22).79 An der Nordseite ist gegen den Kreuzgarten ein Unterstand vorgebaut worden. Davor steht einetwas merkwürdiges Gebilde, das zu einer Vermutung Anlass gibt: Könnte es sein, dass man die Sonnenuhr an der Wand durch eine Horizontalsonnenuhr auf einem Sockel ersetzt hat? Es ist bekannt, dass der Kartäuserpater Nikolaus Emser von 1845 bis 1847 drei solcher Sonnenuhren aus Sandstein geschaffen hat.80 Vielleicht fertigte er auch eine für sein Kloster, die hier dargestellt sein könnte. «Waschhaus» (23) und «Brunnquell» (24) im Osten ausserhalb der Klostermauer sind bekannt, und noch steht der grosse «Fischbehälter» (25), der später verschwunden ist. Neben dem Südtor steht die «Schmiede u. Schlosserei» (26). «Wagnerei» (27), «Küferei» (28) und «Schreinerei» (29) liegen unter einem gemeinsamen Dach etwas links des Westtors. Der «Gaststall» (30) ist im grossen Pferdestall im Süden eingerichtet. Nahe der Nordmauer links im Bild ist das «Hühnerhaus» (31) samt seinen Bewohnern gut zu sehen. Merkwürdigerweise befindet sich das Brennhaus, das bereits auf der Zeichnung von 1715 zu sehen ist, gleich neben dem Hühnerhaus. Hier ist der Bau mit der Nummer 32 versehen und als Keller identifiziert, wohl irrtümlicherweise. Denn die weiteren, bisher bekannten und erhaltenen «Keller» (32) werden angezeigt, so der grosse Keller mit Zugang im Nordrisalit des Westflügels, einer unter der grossen Scheune im Vordergrund und der heute Kellerhaus genannte Anbau an den Pferdestall. Mit dem erst kurz zuvor errichteten Neubau der «Remise» (33), der sich an die seit Langem bestehenden Bauten anschliesst, wurde die Lücke zwischen kleinem Torggel, Küferhaus und Mauer beim Westtor geschlossen. Im Vordergrund der Zeichnung sticht die grosse «Scheune» (34) ins Auge. Ihre Auffahrt führt zu einem grossen Tor unter einem Quergiebel, dessen Entsprechung auf der Gegenseite noch heute vorhanden ist und auf keiner anderen Ansicht erscheint, was vermuten lässt, dass das Tor gerade erst errichtet wurde. Dafür spricht auch die an der Nordfassade der Scheune angebrachte Wappentafel des Priors Bernardus König, die auf 1838 datiert ist. 1844 entstand zudem das «Gasthaus» (35), heute Fehrenhaus genannt, das ganz rechts unten am Rand dargestellt ist. Zur gleichen Zeit wurde das alte Knechtehaus im Wirtschaftshof vor der Procuratur abgebrochen und damit der freie Raum wesentlich vergrössert. In der Scheune ihrerseits befinden sich die «Rindviehstallungen» (36). Weitere «Pferdestallungen» (37) enthält der früher als Schopf bezeichnete scheunenartige Bau mit zwei grossen Toren, an dessen Seite das Hühnerhaus angebaut ist. Mit der «Mühle» (38) springt die Nummerierung wieder nach Süden, um dann mit dem «Sommer-Coloquium» (39) im grossen Kreuzgarten weiterzufahren. Am Schluss erwähnt Haag noch den «Gottesacker» (40), den Friedhof im kleinen Kreuzgarten, die neben der Kirche liegende «Sakristei» (41) und schliesslich das Dorf «Warth» (42).
Man kann anhand der Neubauten feststellen, dass nun grosses Gewicht auf die Landwirtschaft gelegt wurde, obwohl – oder vielleicht sogar weil – die Kartause jetzt unter staatlicher Verwaltung stand. Für die Landwirtschaft war zu dieser Zeit wohl mehr Verständnis
vorhanden als für das einsiedlerische Leben der wenigen übrig gebliebenen Mönche.
78 Historisches Museum Thurgau, Inv. T 8600, 27,7 × 46,4 cm.
79 Nr. 22 wurde von mir im Museumsführer irrtümlich als «Brennerei» bezeichnet.
80 1845: Historisches Museum Thurgau, Inv. T 561; 1846: ebenda, Inv. T 6312; 1847: Stiftung Kartause Ittingen, Inv. SKI 81.